Wer bin ich

Manchmal stehe ich vorm Spiegel und blicke mich an, oder ich unterhalte mich und höre mir selber zu und ich erkenne mich nicht. Da ist dann so ein Gefühl der Fremdheit. Das empfinden, nicht eins mit mir selbst zu sein. Da passen Körper, Emotionen und die Worte nicht zusammen. Wer ist das? Bin das ich? Wirklich?

In diesen Momenten fühle ich mich fremd in meinem Körper. Es ist, als würde ich selbst jemand anderem zuschauen oder zuhören, der sich in mir eingenistet hat. Ich kann das nicht genau beschreiben…

Dann gibt es da noch eine andere Situation: Ich blättere durch Zeitschriften – ok, dass kommt inzwischen wirklich sehr selten vor, oder durchscrolle Pinterest, Instagram und Co. Und sehe Frauen mit Dreadlocks und Tattoos, mit kurzen Hosen, hohen Schuhen, MakeUp. Coole Frauen. Sexy Frauen. Und dann denke ich mir so „so will ich sein“.

Und direkt merke ich, dass ich und das nicht zusammen passt. Ich bin schüchtern und ängstlich (zumindest im offline Leben). Ich bin tollpatschig und mag den Mittelpunkt gar nicht. Die Frauen auf den Bildern dagegen wirken cool, selbstsicher, laut, und ein bisschen rampensauig.

Wer bin ich

„Du kannst so werden“, höre ich meinen Freund sagen. Ja? Kann ich das? Und viel wichtiger, will ich das? Ein bisschen weniger Angst und ein bisschen mehr Selbstsicherheit fände ich natürlich spitze. Dreads und Tattoos sprechen mich irgendwie auch echt an. Und wenn ich ehrlich bin, dann hätte ich auch nichts dagegen, nicht mehr so ein Moralapostel zu sein und auch öfter mal fünf grade sein zu lassen, alles im legalen Bereich versteht sich.

Aber da geht es ja schon los…

Vor ein paar Jahren feierte ich meinen Geburstag (nach dem ich ihn jahrelang nicht gefeiert hatte). Von fünf Leuten kamen zwei… Es war dennoch ein genialer Abend und wir hatten viel Spaß. Irgendwann, du musst wissen, damals war es noch wirklich Sommer und wir hatten hohe Temperaturen, schlugen die beiden vor, ins hiesige Freibad zu gehen. Abends. Zu gehen kannst du nun gleichsetzen mit einbrechen. Ein bisschen schwimmen gehen. Alleine im Freibad. Nach den Öffnungszeiten.

Wäre doch eine coole Sache, oder? Niemand kommt zu Schaden und wir hätten unseren Spaß. Aber nein. Ich bin (und bleibe) eine olle Schissbüchse. Nachts ins Freibad einzusteigen ist Einbruch und Einbruch ist eine Straftat. Da bin ich raus, so cool ich die Aktion ansonsten auch fände.

Denn eigentlich wäre ich gerne jemand, der da ja sagt. Was ist schon dabei? Es passiert ja niemandem was. Ich mache nichts kaputt. Mache nichts dreckig. Niemand kommt zu Schaden. Und dennoch, wie reagiert man, wenn man erwischt wird? Nee, sorry Leute, da bin ich Spaßbremse…

Wer bin ich

Gestern, wir waren auf dem Rückweg vom Einkauf, fuhren mein Freund und ich an einem Aldi-Markt vorbei. Auf dem Parkplatz waren ein paar Leute, die Hälfte saß in den Einkaufswägen. Ich finde es cool, das sah nach Spaß aus. Aber ich würde es niemals machen (obwohl da ja nun wirklich nichts dabei ist). Da bin ich wieder zu schissig und zu sehr im Kopf (was denken wohl die Leute, die mich sehen könnten?).

Alleine reisen? Fallschirmspringen oder Bungeejumping? Tattoos und Dreadlocks? Minirock und HighHeels? Wasserstoffblonde Locken und tiefer Ausschnitt? Campen im Strand? Bisher alles nicht mit mir. Aber es reizt mich und ja, ich will von allem ein bisschen und manches vielleicht auch ganz. Zumindest jetzt. Wer weiß, wer ich morgen bin, was mir dann gefällt.

Ich weiß nicht, wer ich bin. Was ist mein Stil, wie will ich sein? Will ich sein wie ich bin oder bin ich, wie ich bin aus Angst, verurteilt und missverstanden zu werden, wenn ich wäre, wie ich wirklich bin? Oder bin ich doch, wie ich wirklich bin? Wer bin ich?

Woher weiß man all das? Ist dass das Bauchgefühl, von dem immer die Rede ist? Wer gibt mir Gewissheit? Braucht man Gewissheit? Sicherheit, was ist das? Und kann man jemals wirklich sicher sein? Oder ist dass das einzige, was wirklich sicher ist, dass man nichts mit Sicherheit weiß?

Ich weiß, dass ich zu viel im Kopf unterwegs bin. Ich hatte noch nie einen guten Zugang zu meinen Gefühlen, zu meinem Bauch. Vielleicht ja mal etwas, das sich für mich zu lernen lohnt…

Weißt du, mein Freund sagt immer, wenn es dir jetzt Freude bringt, dann mach es doch einfach, egal was morgen ist. Ich glaube, er hat Recht. Also wer weiß, vielleicht siehst du mich dann bald mit voll tattoowierten Armen, Dreads auf dem Kopf und Hotpants am Po. 

Wer bin ich

Und? Wer bist du?

One thought on “Die Fremde in mir”

  1. Schöner Artikel!
    Mir geht es sehr oft genaus so. Besonders wenn ich vor dem Spiegel stehe…da denke ich mir oft, dass ich mich anders fühle als ich aussehe,ich sehe mich selbst anders als mein tatsächliches Aussehen ist und finde oft dass das nicht zusammenpasst …Ich kann das schwer beschreiben. Aber ich denke dass du das verstehst 😉 Und bis zu deinem Artikel habe ich sowas noch nie jemanden sagen hören und dachte immer nur mir geht es so. Also danke dafür 🙂

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